Ein Essay – vielleicht als Beitrag für die Aktion «Seitenwechsel», Blogger schreiben für die Zeitung.
Die Neugier wollte immer mehr und die Geschwätzigkeit wünschte sich ein Publikum. Dazu forderte das Gedächtnis mehr Speicherplatz. Das Weblog hat diese Erwartungen erfüllt und vieles verändert.
Die Neugier hatte schon lange gerne im Internet nach neuen Geschichten geforscht. Es waren Geschichten von grossen und kleinen Menschen, die in ihrem Leben grosse und kleine Dinge erreichten. Es waren Informationen über wichtige und unwichtige Dinge, die für das persönliche Wissen heute oder morgen von Bedeutung sein würden. Die Neugier wollte mehr davon.
Die Geschwätzigkeit wurde schon immer laut, wenn sie Meinung und Erfahrung weitersagen wollte. Zu Politik, Medien und technischen Spielereien wurde viel gesagt – in der Annahme, jemand anders könnte dadurch etwas Neues dazu lernen. Die Geschwätzigkeit wünschte sich ein neues Publikum.
Das Gedächtnis hatte Zettelkasten gefüllt und Internetbuchzeichen gesammelt. Ideen und Gedankenfetzen, die nicht verloren gehen sollten, wurden abgelegt. Gelernt war gelernt, und das Gedächtnis führte darüber ein Journal. Ereignisse wirkten nach, solange sie an einer Stelle nachzuschlagen waren. Das Gedächtnis forderte nun aber mehr Speicherplatz.
Seitdem es das Weblog gibt, sind alle zufrieden – Neugier, Geschwätzigkeit und Gedächtnis.
Weil das Weblog so gut mit anderen Weblogs und Internetseiten verlinkt ist, findet die Neugier immer neue Geschichten und Informationen. Sie findet tagesaktuelle Nachrichten – einmal im Wortlaut der Nachrichtenagentur, einmal von jemandem nacherzählt, einmal vorallem Meinung dazu. Sie findet Berichte von Radtouren oder Schlaubootwochenenden. Sie liest von Wetterpech und Babyglück. Sie findet einen Erfahrungsbericht über das neuste Mobiltelefon. Den Link auf ein Online-Spiel. Und eine Beschreibung, wie der Tüftler ein Problem löste.
In anderen Weblogs schreibt die Neugier manchmal einen Kommentar, weil sie noch mehr wissen will. Manchmal füllt sie ein Formular aus und bestellt sich etwas nach Hause.
Weil das Weblog Texte im Internet publiziert, kann die Geschwätzigkeit zu neuen Leuten sprechen. Sie schreibt die Meinung zu einem Medienbericht ins Weblog anstatt einen Leserbrief an die Redaktion. Sie denkt laut über die Abstimmungsvorlage nach und kritisiert das Auftreten der Parteien. Sie schwärmt von der ersten Schallplatte und dem Open-Air vom letzten Wochenende. Sie erklärt, wie mit Internetsuchmaschinen besser gefunden wird und verrät, mit welchem Programm sich auf dem Computer am besten Bildschirmfotos machen lassen.
Die Geschwätzigkeit spricht auch ganz direkt zum Publikum und lädt es ein, Kommentare zu schreiben. So entstehen Diskussionen. Und es wird weitergeschwatzt, manchmal in mehreren Weblogs gleichzeitig.
Weil das Weblog alles nach Datum ordnet und nach Stichwort sortiert, ist es ein idealer Speicher für das Gedächtnis. Im Weblog legt es einzelne Sätze oder ganze Textpassagen ab. Frühere Arbeiten reiht es ein. Machmal ist es nur eine Internetadresse, die aufbewahrt wird. Es können auch Projektnotizen oder eine Aufgabenliste sein. Auch für Fotos ist Platz. Ton und Video sind auch nicht ausgeschlossen.
Häufig kommt es vor, dass in einem Kommentar ein Hinweis angebracht wird, der das Gedächtnis noch erweitert. Darüber freut sich dann auch die Neugier.
Das Weblog, von vielen einfach auch nur Blog genannt, ist ein praktisches Werkzeug für die Neugier, die Geschwätzigkeit und das Gedächtnis. Es hat einige Veränderungen bewirkt: Das Surfen im Internet ist persönlicher geworden durch die Linkempfehlungen in anderen Weblogs. Die Wahrnehmung von Nachrichten ist nicht alleine von den Medien dominiert, weil sie mit Meinungen von verschiedensten Leuten durchmischt ist. Das Internet ist nicht mehr nur ein Medium zum Lesen; es erlaubt auch das Schreiben. Um etwas zu Wissen braucht es nicht zwingend eine Bibliothek, weil Fachpersonen Wissen zur Verfügung stellen. Für den Kaufentscheid ist nicht alleine die Werbung ausschlaggebend; ein Erfahrungsbericht in einem Weblog wirkt womöglich stärker.
Neugier, Geschwätzigkeit und Gedächtnis meinen: Wir haben Computer, Funknetzwerk und Breitbandinternet. Das alles ist viel nützlicher, seit es das Weblog gibt.
Nachbemerkung: Ich wollte die Ich-Form vermeiden. Ich wollte nicht Personen befragen gehen. Ich wollte nicht fiktive Zitate bemühen. Also machte ich Eigenschaften zu Personen, die alle mehr oder weniger von sich selbst kennen. Das ist ein Versuch (Essay), eine Fingerübung, ein Beispiel für die Neugier, die Geschätzigkeit und das Gedächtnis.
Technorati Tag: Seitenwechsel









sechs Kommentare:
Du sagst da einige sehr essentielle Dinge.
Einzig das Wort “Geschwätzigkeit” stört mich ein wenig, da – obwohl es ja richtig ist – es doch einen negativen Beigeschmack behält.
Roger (link) - 09. Juli 2005 - 23:31 Uhr
Ja, dieses Wort. … Ich meine allerdings, dass Geschwätzigkeit von vielen Leuten als eine ihrer Eigenschaften nicht negativ bewertet wird.
Stefan Bucher - 10. Juli 2005 - 21:57 Uhr
Die “Geschwätzigkeit” sehe ich ebenfalls nicht mit einem negativen Beigeschmack. Ist doch echt menschlich. Oder?
ulp (link) - 11. Juli 2005 - 20:05 Uhr
Also, wenn Ihr meint?
Für mich ist geschwätzig doch immer noch ein sehr abschätziges Wort. “Schwatzbasen”, das sind doch die, die Zeit mit Schwatzen vertrödeln und nichts Richtiges tun;) Vielleicht liegt ja da mit ein Grund, wieso es noch wenig Blogs in der Schweiz gibt.
Roger (link) - 12. Juli 2005 - 09:55 Uhr
Man könnte neumodisch auch sagen ‘Schwatzbasen’ seien kommunikativ. Das wird doch so oft als positive Eigenschaft hervorgehoben.
Wie das dann aber im Titel heissen müsste: ‘Werkzeug für die Neugier und die Kommunikationskompetenz’?
Stefan Bucher - 12. Juli 2005 - 10:23 Uhr
Wie wäre es mit Mitteilsamkeit?
Stefan Bucher - 13. Juli 2005 - 07:44 Uhr
Geschrieben von Stefan Bucher am 11. November 2005.